Portrait
29.01.2010
Qualität vor Quantität
Die Eltern von Nadja Wasserlof haben sich zunächst über ihren Berufswunsch gewundert. Doch Steine wurden ihr keine in den Weg gelegt. Ganz und gar kein Mädchentraum war es von der quirligen, im Krebs geborenen jungen Frau, Baumeisterin zu werden. „Ich wusste eigentlich gar nicht, was ich einmal werden möchte“, verrät Wasserlof lachend. Dass sie vor wenigen Wochen mit dem Woman-Award in der Kategorie „Frauen in Forschung und Technologie“ für ihre Arbeit ausgezeichnet wurde, freut sie, und sie sieht ihn auch als bedeutsame Anerkennung. Wirklich wichtig scheint ihr der Preis jedoch nicht zu sein. „Klar bin ich stolz darüber – aber ich finde, es könnte endlich mal gar kein Thema mehr sein, ob Mann oder Frau am Bau, in Technik oder in der Forschung: Das Ergebnis, die Qualität der abgelieferten Arbeit, das zählt. Aber ich hoffe, dass dieser Preis ein Signal für junge Mädchen, auch männerdominierte Berufe zu ergreifen, ist.“
Klar strukturiert, transparent und zielstrebig – das sind die ersten Eigenschaften, die gleich zu Beginn des Gesprächs auffallen – wie auch ihr Büro im IZ-NÖ-Süd in Wiener Neudorf. Ein Zweckbau, mit viel Glas, geräumig und ohne architektonischen Firlefanz. In einer Bürogemeinschaft mit ihrer Schwester, einer Marketingfachfrau, hat sie an dem Standort keine zehn Kilometer von Wien entfernt reichlich Platz für Kundengespräche wie auch für die beiden fixangestellten und die zeitweiligen freien Mitarbeiter, welche die Baumeisterin in ihrer Arbeit unterstützen. Mehr nicht, denn eines merkt man gleich, Nadja Wasserlof ist die Chefin – auslassen oder delegieren ist nicht so ihre Sache: „Ich bin sicher eine fordernde Chefin, die aber auch gut zuhören kann und niemanden fordert, ohne jeweils ein bisschen mehr auch von sich zu fordern“, schmunzelt Wasserlof. Geht nicht, gibt’s nicht für Wasserlof: „Ich gehe gern mit dem Kopf durch die Wand.“ Die kreative Ader bei Wasserlof sorgt teilweise für Chaos. Da kommt es schon vor, dass sie mehrere Dinge zugleich angehen will – ihre Mitarbeiterinnen bremsen sie rechtzeitig: „Aber ich finde, als Unternehmerin muss ich einen Weitblick haben und ständig neue Wege probieren.“ Privat ist Wasserlof eher ein häuslicher, familiärer Typ.
Selbstverständlich selbstständig
Ihre Eltern sind beide selbstständig – für Wasserlof war nach zehn Jahren Angestelltenverhältnis klar, dass sie auch ihre eigene Chefin sein will. Der Vater ist in der Modebranche tätig und wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine jüngere Tochter in die Baubranche geht. Das technisch interessierte junge Mädchen begann nach dem HTL-Kolleg in der Sparte Hochbau Architektur zu studieren. Gestalten und planen – das gefiel ihr. Das Studium an der Technischen Universität war der leicht ungeduldigen Wasserlof jedoch „viel zu künstlerisch – ich wollte eher was Handfestes“.
Frau am Bau – ein hartes Los? „Nein, gar nicht! Ich finde es sehr sinnvoll, wenn auch in dieser Branche ein Gleichgewicht herrscht. Frauen sind am Bau sehr tüchtig, ich habe auch mit Mitarbeiterinnen oft bessere Erfahrungen als mit Männern gemacht. Die Hemmschwelle für ein neues Feld ist groß, aber Baumeisterin ist ein ganz normaler Beruf, mit vielen Herausforderungen und Abwechslung.“ Nach 15 Jahren in der Baubranche ist Wasserlof inzwischen an den beruflichen „Umgang“ mit Männern gewöhnt. Die Frage eines Bauleiters, wann denn der Chef kommt, oder die Frage eines Anrufers, ob er den Gatten sprechen kann, verunsichert Wasserlof nicht mehr: „Es gibt manchmal eine Hemmschwelle der männlichen Kollegen mir gegenüber, aber diese wird abgebaut, sobald ich vor Ort mit Kompetenz überzeuge.“
Nach Arbeitserfahrungen bei einem Architekten im Wohnbau war Wasserlof auch als Projektleiterin tätig – von der Planung, Ausschreibung bis zur Bauaufsicht. Aber auch die Bauherrenseite lernte sie kennen. Parallel dazu absolvierte sie die Baumeisterprüfung auf Anhieb: „Den Sprung in die Selbstständigkeit wagte ich mit einem kleinen Projekt für ein Immobilienunternehmen. Ich habe Machbarkeitsstudien, Bewertungen und Bestandsprüfungen gemacht, aber auch einige Einfamilienhäuser.“

Akquirieren muss Wasserlof inzwischen kaum mehr – das Geschäft läuft über Mundpropaganda. „Gute Arbeit abzuliefern und auch selbst darüber zu reden, das ist mein Erfolgskonzept“, erklärt Wasserlof. Sie ist eine überzeugte Netzwerkerin – denn nur so können kleine Baumeisterbüros auch größere Aufträge annehmen, ist sie sicher. Die Subunternehmerproblematik sieht sie mit der Auftraggeberhaftung ein wenig eingebremst: „Es ist mit Sicherheit eine sinnvolle Maßnahme. Es gibt viele schwarze Schafe, und die Baubranche leidet unter ihrem negativen Ruf. Es gibt aber auch viele Firmen, die ihr Handwerk verstehen, die tolle Arbeit abliefern – deshalb finde ich es gut, wenn den Scheinfirmen endlich ein Riegel vorgeschoben wird.“
Zufriedene Auftraggeber
Wasserlof will hoch hinaus – das Büro ist erweiterungsfähig, mehr Mitarbeiter sind nicht ausgeschlossen: „Mein Prinzip ist Qualität vor Quantität. Als nächstes Ziel strebe ich die Befugnis zur Sachverständigen an.“ Weiterlernen ist für Wasserlof selbstverständlich, dazu gehören für die ehrgeizige Person mindestens drei Seminare pro Jahr. „Doch das sind nicht immer fachlich bezogene Weiterbildungen, mich interessieren auch Themen wie Teambuildung oder PR.“ Aber auch die Fortbildungsangebote der Standesvertretung besucht sie regelmäßig, Wasserlof engagiert sich ebenso als Obfrau der jungen Wirtschaft im Bezirk Mödling: „Wir organisieren Veranstaltungen für Jungunternehmer, denn da sehe ich auch viel Potenzial zur Stärkung unserer Wirtschaft. Ich habe das Netzwerk Frauen Bauen mitbegründet, wo ich jetzt aus Zeitgründen allerdings nur noch einfaches Mitglied bin.“
Wasserlof ist spürbar stolz auf ihr Unternehmen wie auch auf ihre Projekte. Gut im Geschäft ist sie mit einer Fastfood-Kette, für die sie bereits mehrere Filialen wie auch einige andere Industriebauten verwirklichte. Doch Zufriedenheit heißt bei ihr noch lange nicht, sich zurückzulehnen – zufriedene Auftraggeber sind ihr das Wichtigste. Wenn die Arbeit auch zunehmend schwieriger wird – die Preise am Bau sind stark gefallen. Wie geht das kleine Baumeisterunternehmen mit der veränderten Marktsituation um? „Qualität hat seinen Preis, und dazu stehe ich. Meine Leistungen werden nach Stunden abgerechnet, und wenn man erheblich weniger zahlen möchte, dann muss man auch in Kauf nehmen, dass von der Baufirma auch weniger Zeit investiert wird. Meine Kunden sind bereit, mein Honorar zu zahlen, weil sie wissen, dass ich mich zu 100 Prozent engagiere und Topqualität das Ziel ist. Ich hab kein Mitleid mit Unternehmen, die unter den Kosten anbieten und dann jammern“, erklärt Wasserlof selbstsicher.
„Die großen Unternehmen erreichen ihr Umsatzziel, indem sie gegen Jahresende noch schnell unterpreisig arbeiten. Spezialfirmen, die ihr Handwerk verstehen, können aber durchaus ihren Preis verlangen“, ist Wasserlof überzeugt. Der Spaß an ihrer Arbeit ist spürbar: „Ich finde, dass Baumeisterin ein toller Beruf ist, aber leider mit einem schlechten Image. Insofern gilt der Baumeister eher als der Konservative, ich identifiziere mich mit diesem Image nicht. Ziviltechniker sind da viel besser angesehen, vielleicht auch wegen der universitären Ausbildung. Im Alltag sind Baumeister und Ziviltechniker häufig auf einer Ebene, aber es ist immer ein Konkurrenzkampf.“

Die durchaus politische Wasserlof ist vom Nutzen der Standesvertretung überzeugt, hat jedoch auch VerbesserungsÂideen parat: „Die Kollektivverträge sind zu hoch angesetzt, da sollten wir uns mehr durchsetzen und der Gewerkschaft weniger klein beigeben. Denn ich zahle gerne, aber die Beiträge sollten auch dem Markt angepasst werden.“
Bezüglich Nachwuchs ist Wasserlof davon überzeugt, dass mehr Lehrlinge wichtig wären und noch mehr Werbung und Imagearbeit für Lehrberufe notwendig ist: „Da gehört schon in den Schulen angesetzt und vermittelt, dass man nach einer absolvierten Lehre vielfältige Berufsmöglichkeiten hat.“
Wasserlof ist davon überzeugt, dass ein Baumeister alles bauen kann: „Ein kompetenter Baumeister kann gut mit seiner Qualität gegen den Fertigteilmarkt punkten, denn er kann mit allen Materialen bauen. Ein gesundes Mit- und Nebeneinander ist gut – so gibt es mehrere Experten als Gegenpart zum Fertigteilhaus.“ Wasserlof lebt bewusst und trennt Beruf vom Privatleben: „Wenn ich aus dem Büro rauskomme, mache ich gern Sport, aber die Arbeit bleibt im Büro. Über die junge Wirtschaft bin ich zu Golf gekommen, das macht mir viel Spaß. Zum Ausgleich praktiziere ich auch Yoga. Da ich direkt am Waldrand wohne, nütze ich auch die schöne Gegend zum Joggen.“
Workaholic ist Wasserlof laut eigener Beschreibung nicht – aber frühmorgens um 7.30 Uhr ist sie in der Regel die Erste im Büro in Wiener Neudorf. Meist zwölf Stunden später verlässt sie es erst. Wochenenden hält sie sich so gut, wie es geht, frei. Home-Office hat sie keines, empfängt auch keine E-Mails am Handy: „Zuhause arbeite ich nichts. Im Kopf arbeitet sowieso alles weiter.“ Ein Samstag darf dann schon mal gearbeitet werden – aber im Büro.
Mit ihrem Partner und zwei Katzen lebt Wasserlof in Mödling – Kinder sind noch kein Thema. Auch der Freund ist in der Baubranche tätig – Missstimmungen, dass Wasserlof selbstständig ist, gibt es keine: „Er ist stolz darauf, dass ich eine starke Frau bin und sieht meine Selbstständigkeit nicht als Bedrohung. Es gibt kein Konkurrenzdenken zwischen uns, sondern er spornt mich eher an.“
Was wünscht sich die Baumeisterin für die Zukunft? „Dass mehr Frauen in die Technik kommen und so noch mehr spannende Projekte entstehen.“ Und welches Traumprojekt schwebt ihr vor? „Mein Traumprojekt ist etwas, das ich selbst entwickelt habe: Selbst geplant, durchgeführt und gebaut. Zudem sollte es etwas völlig Neues sein.“ Da gibt’s schon ganz konkrete Pläne – die sie noch nicht verrät.
Und privat? „Dass sich mein Beruf auch in Zukunft gut vereinen lässt und das Private nicht zu kurz kommt.“
(Redaktion: Gisela Gary, Die Bauzeitung)

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