29.01.2010
Gebaut für die Zukunft
Die aktuellen Meldungen zum Klimaschutz wie auch zur Reduktion der Treibhausgasemissionen erschüttern diese Tage Österreich und spalten die unterschiedlichen Lobbys. Das von Bundesminister Reinhold Mitterlehner abgesegnete Ökostromgesetz macht den Alternativ-Energiegewinnungsunternehmen auch nicht gerade Mut. Immerhin werden unter anderem zukünftig Fotovoltaikanlagen aufgrund von gesunkenen Errichtungskosten noch weniger gefördert, Öko-Strom wird teurer, auch die Entgelte für das Einspeisen von Windenergie in das öffentliche Netz werden steigen. Das neue Ökostromgesetz ist seit 20. Oktober in Kraft. Nun benötigt Mitterlehner noch die Unterschrift von Umweltminister Niki Berlakovich und Rudolf Hundstorfer. Mitterlehner ist jedoch zuversichtlich, er erklärt seine Entscheidung damit, dass Österreich inklusive der Wasserkraft derzeit ohnehin bereits den höchsten Anteil an Ökostrom innerhalb der EU hat. Um das Ziel von 34 Prozent bei erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 zu erreichen, will Mitterlehner darüber hinaus Maßnahmen im Verkehr wie auch bei der Raumwärme forcieren.
Die Bauwirtschaft trägt wesentlich zu einem aktiven Klimaschutz bei. Nicht nur mit ressourcenschonenden Bauweisen und Baumaterialien, sondern auch mit einem besonderen Augenmerk auf die sogenannten Lebenszykluskosten und den Energieverbrauch von Gebäuden entschloss sich der Fachverband Steine und Keramik für ein umfassendes Forschungsprojekt, mit dem Ziel, die Potenziale für nachhaltig massives Bauen wie auch die breite Palette an Aspekten rund um das Thema zu beleuchten.
Carl Hennrich, Geschäftsführer Fachverband Steine und Keramik, präsentierte in Kooperation mit Unternehmen aus der Baustoffbranche, Universitätsinstituten wie auch anderen wissenschaftlichen Initiativen zum Thema Klimaschutz die Ergebnisse des vom Klima- und Energiefonds mit 1,2 Millionen geförderten Forschungsprojektes „Nachhaltig massiv“.
Stabile Wohnkosten gefordert
Der Julius-Raab-Saal in der Wirtschaftskammer war anlässlich der Präsentation der Forschungsergebnisse bis auf den letzten Platz gefüllt. Hennrich betonte, dass eine erfolgreiche Klimapolitik stark davon abhängt, dass Wohnen leistbar ist und die Wohnkosten somit nicht mehr steigen. Herbert Greisberger, Ögut, lobte als Gesamtkoordinator der Forschungsinitiative „Nachhaltig massiv“ die intensive und kritische Diskussion zwischen der Industrie und der Bauforschung: „Diese Art wie auch die Breite der Zusammenarbeit ist mit Sicherheit einzigartig in Österreich – die Hersteller massiver Baustoffe liefern damit wesentliche Beiträge zur Entwicklung europäischer Normen und Richtlinien wie auch zur integrativen Lebenszyklusbetrachtung von Gebäuden.“
Michael Ludwig, Vizebürgermeister und Wohnungsstadtrat Wien, betonte den geförderten Wohnbau als wichtiges Standbein – vor allem in wirtschaftlich flauen Zeiten. 2009 wurden allein 7.000 Wohneinheiten fertiggestellt: „Wir wollen jedoch nicht nur quantitative Standards forcieren, sondern auch qualitative – aus diesem Grund freue ich mich sehr über die Initiative und die Verankerung neuer ökologischer Standards.“ Das Potenzial für die Bauwirtschaft ist dabei allein in Wien gewaltig – immerhin beträgt der zu sanierende Bestand in Wien 950.000 Wohnungen. Die Stadt Wien investiert jährlich 600 Millionen Euro in den Wohnbau.

Dornbirn-Hatlerdorf im „Steinacker“, massiv gebaut von Baumeister Dietmar Prade.
Martin Leitl, Techniksprecher, Facherverband Steine-Keramik, gab sich optimistisch, dass sich zukünftig langfristiges Denken durchsetzen wird: „Ökonomische und soziale Aspekte müssen verstärkt berücksichtigt werden – dann können ökologische Konzepte auch sinnvoll umgesetzt werden.“
Ulrich Schneider, TU Wien, warnte vor dem Missbrauch des Begriffs Nachhaltigkeit und betonte die Notwendigkeit, eine einheitliche Definition zu finden. Zugleich zeigte er eine Fülle an Verbesserungspotenzialen – wie zum Beispiel im Schallschutz oder bei der CO2-Reduktion – auf.
Johannes Fechner, TU Wien, fasste zusammen: „Wir brauchen Systemlösungen. Der Wettbewerb zwingt alle Unternehmen zu nachhaltigen Lösungen. Der Massivbau hat dazu besondere Stärken und Qualitäten.“ Fechner ist davon überzeugt, dass bei den Gebäudebewertungen die Baumaterialien immer stärker mit einbezogen werden – wie auch die Förderungen immer zielgerichteter werden: „Daher wird der Stellenwert der Planung steigen. Alle Werkzeuge, die Planern helfen, sind enorm wichtig. Aber auch der OI3-Index muss weiterentwickelt werden.“ Fechner motivierte die Hersteller massiver Baustoffe, Demo-Projekte zu forcieren, aber auch ihre Produkte und Daten dafür zu verbessern, damit Transparenz über Eigenschaften gewährleistet ist.
Einfluss Wohnbauförderung
Mit dem sozialen Aspekt beleuchtet die Forschungsinitiative eine zusätzlich neue Seite der Nachhaltigkeit. Ein Ergebnis der Diskussionen des Arbeitskreises Soziales aufgrund von Interviews beweist, dass die Wohnbauförderung sehr bedeutend bei der Bevölkerung ist und einen hohen Einfluss hat. „Die Kriterien für Gebäude, die mit Wohnbauförderungsmittel errichtet werden, gelten als Standard bei der Bevölkerung“, erläutert Wibke Tritthart, Leiterin des Arbeitskreise Soziales, IFZ Graz.
Fazit: Die Weiterentwicklung von bestehenden Gebäudebewertungssystemen in Richtung eines einfachen Instruments zur Messung und Kommunikation der ökologischen, ökonomischen und sozialen Qualität von Bauwerken ist für die Bauwirtschaft von höchster Bedeutung. Investoren, aber auch Förderstellen benötigen einfach anwendbare Informationsinstrumente. Ein erster Schritt und damit Grundlage für jedes Bewertungssystem ist die umfassende Ökobilanzierung auf Produktebene. Handlungsbedarf besteht hier nicht nur durch deren Erfordernis im Rahmen von Gebäudebewertungssystemen, sondern auch durch die zu erwartenden ökonomischen Folgen der Ressourcenbeanspruchung auf globaler Ebene sowie der Bauprodukterichtlinie. Baustoffhersteller, die über diese Informationen verfügen, können damit bestehende Potenziale zur Optimierung ihrer Produkte und Produktionsprozesse erkennen.
Mit der Forschungsinitiative „Nachhaltig massiv“ wird eine Diskussion ins Rollen gebracht, die Projekte für eine tiefgreifende Zukunft ermöglicht. Die Bauwirtschaft ist gefordert, ab sofort ihre Produkte wie auch ihre Leistungen auf die Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales kontinuierlich zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
( Redaktion: Gisela Gary, Die Bauzeitung)
Nachhaltig massiv
Projektbeteiligte
FV Steine-Keramik
Ögut – Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik
17&4 Organisationsberatung G.m.b.H.
TU Wien – Institut für Hochbau und Technologie
TU Graz – Institut für MaterialÂprüfung und Baustofftechnologie
IBO – Österreichisches Institut für Baubiologie und Bauökologie
TU Wien – Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und ÂAbfallwirtschaft
e7 Energie Markt Analyse Gmbh
AIT – Austrian Institute of Technology
TU Wien, Arge Krech-Stieldorf, Institut für Architektur und Entwerfen
TU Wien – Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung
BTI – Bautechnisches Institut Linz
KMU Forschung Austria
bvfs – Bautechnische Versuchs- und Forschungsanstalt Salzburg
Donau-Universität Krems – Department für Bauen und Umwelt, FachÂbereich Facility-Management und Sicherheit
Schöberl & Pöll GmbH
IFZ – Interuniversitäres Forschungszentrum für Technik, Arbeit und ÂKultur
ÖÖI – Österreichisches Ökologie-Institut
Nähere Informationen unter
www.nachhaltigkeit-massiv.at

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