Innovation
12.02.2010
Energieproduzent Haus
Derzeit wird die europäische Gebäudedirektive neu überarbeitet. Bis 2018, so der gegenwärtige Plan der Europäischen Union, sollen alle öffentliche Gebäude Null-Energie-Häuser sein, bis 2020 folgen Büro- und Privathäuser. „Noch fehlt eine globale Definition für Null-Energie-Häuser, deshalb wird aktuell nur der Begriff low energy buildings verwendet“, erklärt dazu Hans-Martin Henning, Experte für Solarenergiesysteme vom Fraunhofer Institut in Freiburg.
Der Grund: Die Definition ist davon abhängig, worauf sie sich bezieht: auf Heizen, Wasserverbrauch, etc. Seine Definition für Null-Energie-Gebäude ist recht einfach: niedriger Energiebedarf bei hoher Eigenproduktion. Und Henning geht noch über eine ausgeglichene Energiebilanz hinaus: „Es ist sogar möglich, eine Plus-Energie-Bilanz zu erreichen.“ Wohlgemerkt über ein gesamtes Jahr gesehen. Das bedeutet: Die Energieproduktion übersteigt den eigenen Bedarf im Gebäude. Fotovoltaik, aber auch Biomasse und kleine, lokale Windenergieanlagen, werden hierbei in Zukunft eine noch wesentlichere Rolle spielen.
Und auch im Rahmen der Renovierung sei der Einsatz von Solar-Fassaden längst kein Problem. Bei einfacher Kubatur gibt es bereits ideale, vorgefertigte Systeme zur Dämmung, inklusive integrierter Fotovoltaik, Verschattung oder Wärmerückgewinnung. Erforderlich wird hierbei die Erfassung der Gebäudestruktur per Laser-Scanning. Dann steht der zukunftsträchtigen Sanierung nichts mehr im Wege ohne, dass Bewohner die eigenen vier Wände verlassen müssen.
In bereits naher Zukunft werden vor allem Mulifunktionale Fassadenkonzepte, wie ein Hybridsystem mit Fotovoltaik und thermischen Kollektoren in der Fassade, wesentlich an Bedeutung gewinnen. Henning: „Wir arbeiten an der Optimierung solcher Systeme. Bei der globalen Entwicklung wird zunehmend relevant, dass nicht nur ein Nutzen erfüllt wird, sondern etwa Wärme und Strom gleichzeitig produziert werden“. Wesentlich sei aber ein ganzheitlicher Ansatz, so Henning: „Auch der Raumkomfort muss berücksichtig werden. Alle Teile eines Gebäudes müssen einbezogen werden. Auch der optische Komfort und die Bauphysik muss im Auge behalten werden.“ Steigende Bedeutung wird auch der Dünnschicht-Fotovoltaik zukommen. Diese teiltransparenten Schichten sind leicht anzuwenden und dienen bei entsprechendem Durchsichtswinkel gar als Blendschutz. Ein weiteres, vielversprechendes Konzept ist ein Hybridmodell, eine Kombination aus Solarkollektor und Wärmetauscher. Hennings wesentlichste Botschaft: „Fotovoltaik ist nicht teurer.“
Architekten mit Vorurteilen
Den noch zahllosen Fragen zu gebäudeintegrierter Fotovoltaik stellte sich auch Architektin Tania Berger von der Donau-Universität Krems. „Gebäude beanspruchen ein Drittel des gesamten Energiebedarfs. Es macht Sinn, Energie dort zu erzeugen, wo sie benötigt wird. Auch wenn Fassaden vielleicht nicht so optimal sind wie Dächer, stellen sie doch ein hohes Potential zur Energiegewinnung dar.“ Ernüchternd für Berger war eine Umfrage über den Wissensstand über gebäudeintegrierte Fotovoltaik: 47,7 Prozent der Bevölkerung hatten kaum Kenntnis darüber, 45,3 Prozent ein wenig und nur sieben Prozent verfügen über einen hohen Wissensstand. Hier gilt es laut Berger anzusetzen – und bei den zahlreichen Vorurteilen bei Architekten. Denn eine weitere Befragung zeigte die Mankos des Berufsstandes auf: Am häufigsten wurde genannt, dass Fotovoltaikanlagen als Fremdkörper, bzw. als Zumutung für den Gebäudeentwurf, angesehen werden. Aber auch der Irrglaube, die Technologie sei noch nicht ausgereift oder die Sonneneinstrahlung in Europa sei zu gering, wurden genannt. Bergers bedauerliches Fazit: „Fotovoltaik wird immer von öffentlicher Förderung abhängig sein.“
Um den Vorurteilen entgegen zu wirken wurde nun eine Webseite (www.solarfassade.info) mit Informations- und Schulungsunterlagen erstellt. Hier wird unter anderem das große Potential der Fotovoltaik aufgezeigt: „Solarzellen sind auch ein ästhetisches Material mit Botschaft.“ Diese lautet: Das Gebäude ist modern, Energieeffizienz ist dem Planer und den Bewohnern ein Anliegen. Berger: „Es gibt wenig Materialien, die das können“.
Red.: Helmut Melzer



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