Coverstory
19.02.2010
Die Jugend als Chance
Förderung für Lehrlinge
€ 1.500,– Prämie pro Lehrling und Jahr für Maurer, Tiefbauer oder Schalungsbauer
Basisförderung
1. Lehrjahr: 3 MonatslehrlingsentÂschädigungen (brutto)
2. Lehrjahr: 2 MonatslehrlingsentÂschädigungen (brutto)
3. Lehrjahr: 1 MonatslehrlingsentÂschädigung (brutto)
Förderung neuer Lehrstellen
€ 2.000,– pro Lehrverhältnis (maximal 10 Lehrlinge)
• Neugegründete Unternehmen,
• bestehende Lehrbetriebe, die ÂLehrlinge in einem neuen Lehrberuf ausbilden,
• Lehrberechtigte, die nach mindestens drei Jahren wieder Lehrlinge aufnehmen.
Förderung zur Mitte der Lehrzeit
Bis zu € 3.000,– pro Lehrverhältnis.
• Führung einer Ausbildungsdokumentation durch den Lehrberechtigten.
• Positive Absolvierung eines Praxistests durch den Lehrling zur Hälfte der Lehrzeit.
Weiterbildung der Ausbilder
Bis zu € 1.000,– pro Ausbilder und Kalenderjahr für Weiterbildungsmaßnahmen
Ausgezeichnete und gute
Lehrabschlussprüfungen
€ 200,– pro Lehrabschlussprüfung mit gutem Erfolg,
€ 250,– pro Lehrabschlussprüfung mit Auszeichnung.
Weitere Informationen:
www.lehre-foerdern.at, www.baudeinezukunft.at,
www.bauakademie.at, www.bau.or.at
Geld für Lehrlinge
• Bildungsfreibetrag nach § 4 Abs. 4 Z 8 und 10 EStG: 20 Prozent für Weiterbildungsmaßnahmen bei Lehrlingen bzw. Ausbildnern
• Exklusiv für die Baubranche: 1500 Euro/Jahr/Lehrling
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Anton Rieder, Baumeister und Landesinnungsmeister Bau Tirol, hat in seinem Unternehmen zehn Lehrlinge, er ist von dem langfristigen Nutzen durch die Heranbildung von Fachkräften überzeugt. Dass das Interesse an den Bauberufen sinkt, ist in Tirol nicht spürbar. Allerdings sei die Lehrlingssuche laut Rieder nicht einfach – „von der Menge als auch von der Qualität her“. Eine aktuelle Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) im Auftrag der Wirtschaftskammer Wien bestätigt: 68 Prozent der Wiener Betriebe haben Schwierigkeiten, geeignete Lehrlinge zu finden. Grund für die schwierige Lehrlingssuche und zugleich schonungsloses Fazit der 300 befragten Unternehmen: das Ausbildungsniveau der Jugendlichen.
Immer mehr Pflichtschulabgänger verfügen über geringe Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen. Die befragten Betriebe sichten große Defizite u.Âa. in Mathematik (54 Prozent), sprachlichem Ausdrucksvermögen (35 Prozent), logischem Denken (35 Prozent), technischem Verständnis (33 Prozent). Thomas Huber, Ausbildungsleiter für den Hoch- und Ingenieurbau bei der Strabag, bestätigt die Ergebnisse. Aktuell sind im Bauunternehmen rund 300 Lehrlinge in Ausbildung: „2008 haben wir rund 100 Jugendliche zu einem Aufnahmetest eingeladen. Nur zwölf Prozent haben die notwendige Punktezahl erreicht. Zuletzt ist diese Zahl auf 8,6 Prozent gesunken.“
Spaß am Lernen
Woran das österreichische Bildungssystem scheitert, dem ging der dänische Bildungsexperte Hans Henrik Knoop im Auftrag der Wirtschaftskammer Wien nach. Er lehrt und forscht an der Universität Aarhus, u.Âa. in Kooperation mit den Universitäten Harvard und Stanford. „Österreich teilt dieses Problem mit allen anderen Ländern der Welt“, beruhigt Knoop. Wesentlich, so der Experte, sei der Spaß am Lernen: „Ein interessantes und kurzweiliges Umfeld ist Voraussetzung für effizientes Lernen. Oft wird noch immer unterrichtet wie vor 100 Jahren.“ Warum vergessen Jugendliche beim Computerspiel oder „Harry Potter“ aufs Essen? Doch nur wegen der Begeisterung an der Sache. Knoop dazu: „Jugendliche brauchen eine Herausforderung, um Spaß zu haben.“ Für Knoop hat ein falsches Bildungssystem aber noch weit schwerwiegendere gesellschaftliche Auswirkungen: „Auf der ganzen Welt sehen wir Schulen, in denen Studenten in einer Kultur der Langeweile eingeengt werden und einer Herabwürdigung ausgesetzt sind, die komplett gegen die grundlegenÂden Bildungsideale aufgeklärter Bürger gerichtet ist. Solche Kulturen bringen nicht nur Schüler zu einem ineffizienten Lernen, sie behindern auch die Kreativität und fördern soziale Verantwortungslosigkeit als Reaktion auf die erfahrene Schwäche und Hilflosigkeit.“
Stärken und Schwächen
Rieder bestätigt Defizite der Lehrlinge in Mathematik. Dabei betont Rieder noch eine weitere Problematik – zerrüttete Familienverhältnisse: „Wir müssen für die Jugend ein bisschen eine Ersatzfamilie sein, denn gerade im sozialen Bereich und in der Persönlichkeitsentwicklung sehe ich Aufholbedarf. Es hilft nichts, wenn wir technische topausgebildete Fachkräfte – ohne sozialer Kompetenz – heranbilden.“
Der nö. Baumeister Johannes DinÂhobl ist ebenso ein begeisterter und engagierter Lehrlingsausbildner, betont aber auch die hohe Verantwortung der Lehrherren: „Lehrlinge sind Rohdiamanten – wie unsere Lehrlingsexpertin Petra Pinker ausdrückte. Es ist unsere Verantwortung, kompetente Fachkräfte heranzubilden. Natürlich ist das Lehrlingsdasein aber mit Arbeit verbunden – denn sie nur ‚mitlaufen‘ zu lassen bringt weder dem Jugendlichen noch dem Unternehmer etwas.“ In allen Bundesländern außer in Vorarlberg werden die Bauunternehmen von den Lehrlingsexperten (Lex) unterstützt. Die Lex arbeiten mit den Lehrlingsbeauftragten der jeweiligen Betriebe und Landesinnungen zusammen.

Lehrlinge heranbilden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen – das Erfolgsrezept für die Bauwirtschaft
Petra Pinker, Lehrlingsexpertin Bau Niederösterreich, erklärt: „Ja, manche unserer Lehrlinge haben schulische Defizite. Das betrifft jedoch die anderen Branchen ganz genau so. Die Unternehmen sind jetzt gefragt, aus Zitronen Limonade zu machen, oder besser gesagt: aus dem Rohdiamant Lehrling ein echtes Schmuckstück, das ein wertvoller Facharbeiter für die Firma wird. Ich finde, dass man nicht zu streng sein darf und die Erwartungen ein wenig herunterschrauben könnte und stattdessen praxisbezogen das Interesse des Lehrlings und die Lernbereitschaft weckt. Ein Lehrling ist ein junger Mensch, der sich mutig in die Berufswelt hinauswagt, unter Erwachsene, die viel mehr Erfahrung haben als er. Er ist gerade mal 15 Jahre auf der Welt und auf der Suche nach seiner Identität. Umso wichtiger ist es, dass das Unternehmen ihm das Gefühl gibt, dass es auf ihn zählt, dass er Unterstützung und Halt bekommt und von Vorbildern inspiriert wird. Die schulische Leistung der Lehrlinge verbessert sich meist ohnehin, weil sie plötzlich einen Praxisbezug beim Lernen haben. Ich emÂpfehle dazu, Lehrlingstreffs im Unternehmen einzuführen, wo in regelmäßigen Abständen die Lehrlinge gefordert und gefördert werden.“
Dinhobl unterstreicht die ersten Früchte der Bemühungen der Bundesinnung Bau mit der Kampagne „Bau Deine Zukunft“ wie auch der Arbeit der Landesinnungen: „Sehr effizient erwies sich auch die Strategie, Schülern bereits die Berufsmöglichkeiten am Bau näherzubringen – das hat auch viel zur Hebung des Image der Bauberufe beigetragen. Dass nun auch die Industrie von dem Nutzen der ‚Rohdiamanten‘ Lehrlinge überzeugt ist, bestätigt unsere Bemühungen – früher wurden Lehrlinge gern aus dem Baugewerbe abgeworben, heute bildet die Industrie selbst aus.“ Dinhobl steckt seine Lehrlinge regelmäßig in Weiterbildungskurse der BauAkademie: „Die Wissenserweiterung stärkt die Jugend und die Wettbewerbskraft unseres Unternehmens.“ Die Jugendlichen nehmen Dinhobls „Weiterbildungsstrategie“ gut an.
Johannes Kopf, Vorstand des AMS, beobachtet bei den meisten UnternehÂmern ein hohes gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein: „Es ist dies nicht nur eine Frage des sozialen Engagements, sondern auch eine Notwendigkeit, um sich die Fachkräfte von morgen zu sichern. Immer wieder klagen dabei Betriebe über das schlechte Ausbildungsniveau von Lehranfängern. Dass es hier Probleme gibt, ist sicherlich richtig. Ich denke, dass dieses Problem eine gemeinsame Herausforderung für Eltern, Schule, Politik, AMS, aber auch für Unternehmen sein muss.“
Das Ansehen der Bauberufe muss weiter gehoben werden. Offensive Informationskampagnen der Standesvertretung sind dabei nachweislich hilfreich. Wie auch die Idee, mithilfe der Lehrlingsexperten Schulabbrecher für einen der Berufe am Bau zu begeisterten. „Die Baubranche ist bei den Jugendlichen nach wie vor nicht so hipp wie andere Berufe. Da haben wir noch einiges zu tun – auch die Ausbildung betreffend, denn nur über die Lehre bekommen wir unser Kaderpersonal. Ich bin davon überzeugt, dass die Lehrlingszahlen weiter zurückgehen werden, denn zurzeit gibt es schwache Jahrgänge. Das bedeutet für uns, dass wir noch mehr Energien in die Jugend investieren müssen, um das hohe Niveau halten zu können“, so Rieder.

Weitblick: Baumeister Johannes Dinhobl setzt auf die Jungen in seinem Unternehmen – in Zusammenarbeit mit der Lehrlingsexpertin Petra Pinker.
2009 gab es im Baugewerbe 3.092 Lehrlinge, in der Bauindustrie 645. Auf großes Interesse stößt die Doppellehre Maurer und Schalungsbauer mit 453 Jugendlichen. Walter Ruck, Landesinnungsmeister Bau Wien, sieht die Problematik eher bei der Einstellung zum Beruf begründet: „Von Berufskollegen höre ich wiederholt, dass junge Menschen, die sich bei ihnen um eine Lehre bewerben, über mangelhafte Vorkenntnisse verfügen. Gerade die Facharbeiterausbildung am Bau erfordert gutes räumliches Vorstellungsvermögen sowie mathematische Kenntnisse, was von den jungen Leuten oft unterschätzt wird.“
Die Bauwirtschaft ist österreichweit der größte Arbeitgeber für Lehrlinge – inklusive Baunebengewerbe, sind rund 16.000 Lehrlinge in den Bauberufen beschäftigt. Speziell im Bereich Gewerbe und Handwerk werden Lehrlinge in konstanter Anzahl ausgebildet. Primär steht hier die Sicherung des Fachkräftebedarfs im Vordergrund. „Viele Jugendliche sind nicht ausreichend über die Chancen eines Bauberufes informiert und verpassen möglicherweise eine tolle Karriere und eine erfolgreiche Zukunft“, ist Hans-Werner Frömmel, Bundesinnungsmeister Bau, überzeugt.
Hohes Lohnniveau
Maurer, Schalungsbauer und Tiefbauer zählen zu den bestbezahlten Lehrberufen. Im ersten Lehrjahr erhält der Jugendliche 778,01ÂEuro pro Monat, im zweiten steigert sich der Verdienst auf 1.167,86 Euro, im dritten bekommt er 1.556,01 Euro. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Facharbeiterausbildung steht dem Ehrgeizigen einer Karriere als Polier oder auch Bauleiter nichts im Wege. Der Bedarf an Baulehrlingen ist gewaltig. Durchschnittlich sollten jährlich rund 1.370 Facharbeiter nachrücken.
Ruck ist überzeugt, wer eine Facharbeiterausbildung am Bau absolvieren will, muss Freude an der körperlichen Arbeit und Einsatzwillen mitbringen: „Das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Lehre und wird in den Betrieben honoriert. Wir müssen die Ausbildung von jungen Leuten in Bauberufen in unserem ureigensten Interesse weiter fördern. Denn der Lehrling von heute ist unser Facharbeiter von morgen. Ganz Europa beneidet uns um unser triales Ausbildungssystem. Diesen Wettbewerbsvorteil müssen wir konsequent nutzen. Denn Facharbeiter sind produktiver und arbeiten qualitativ besser als ungelernte Kräfte. Daher zahlt sich die Investition in einen gut ausgebildeten Facharbeiter mittel- und langfristig für alle Beteiligten aus.“
Verantwortung der Politik
„Die Jugend ist das Spiegelbild der Gesellschaft“, meint Thomas Prigl, Leiter der BauAkademie Wien und Koordinator der BauAkademien. „Aufgrund der derzeit geführten Diskussion überprüfe ich in allen Kursen die Kenntnisse zum Thema Grundrechnen. Das derzeitige Zwischenergebnis zeigt bei Kursbeginn keinen signifikanten Unterschied zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Mit dem Wissen der fünften Schulstufe können im Handwerk einfache Materialberechnungen durchgeführt werden.“ Prigl sieht die Aufgabe der Ausbildung darin, dass den Jugendlichen eine individuelle Begleitung auf dem Weg zum Abschluss ihrer Lehre geboten wird. „Tatsächlich können wir mit unseren Stellungnahmen Einstellungen und Erwartungshaltungen beeinflussen. Die öffentliche Meinung führt zu folgender Meinung: ‚Ein Beruf ohne Matura ist nicht vorstellbar.‘ Ergebnis: Seit 2009 sind über 50 Prozent der Kinder in Wien in der fünften Schulstufe im Gymnasium – Meinung: ‚Der Lehrling (gemeint ist der Lehranfänger) kann nicht rechnen.‘ Ergebnis: Der aktuelle Anteil an Lehranfänger sinkt, und der Anteil der Jugendlichen in weiterführenden Schulen steigt.“
Die Jugend für Lehrberufe zu motivieren, ist letztlich auch Aufgabe der Politik. Laut Sozialministerium gibt es bei den 15- bis 19-Jährigen im Jänner im Vergleich zum Vorjahr 232 weniger Arbeitslose. „Junge Menschen sind lern- und ausbildungswillig, sie bemühen sich um ihre berufliche Zukunft, und wir werden alles unternehmen, um ihnen den Start ins Arbeitsleben zu erleichtern“, betont Sozialminister Rudolf Hundstorfer. „Ein wichtiger Faktor für die rückläufige Arbeitslosigkeit bei den Lehrlingen ist die Ausbildungsgarantie. Sie verhindert, dass junge Menschen nach ihrem Schulabschluss in die Arbeitslosigkeit abrutschen“, so Hundstorfer. Mit Ende Jänner befanden sich 8.896 Jugendliche in den Maßnahmen der überbetrieblichen Lehrwerkstätte.
Thomas Prigl fasst die Anforderungen der Schule von morgen – als Vorbereitung für angehende Facharbeiter – auf fünf Punkte zusammen:
• Steigerung der Sozialkompetenz
• Lebensschule: gesunder Geist und gesunder Körper
• Forcierung der handwerklichen ÂBegabung
• Festigung der Fertigkeiten durch ÂWiederholung – „weniger ist manchmal mehr“
• Lernen zu lernen.
Red.: Helmut Melzer, Gisela Gary

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