05.03.2010
Laser statt Metermaß

"Am Bau ist nichts genau“, heißt es spätestens, wenn man in den eigenen vier Wänden vor den Folgen von Vermessungsfehlern steht. Ganz lassen sich diese aber nicht verhindern: Altgediente Messmethoden mit Metermaß und Messband sind fehleranfällig. Parallaxenfehler nennt sich das häufigste Problem. Je nach Betrachtungswinkel kommt es beim Ablesen der Werte einer Skala zu feinen, aber oft entscheidenden Fehlern. Verschärft gilt das auch für längere Distanzen, die noch dazu recht unpraktisch nur zu zweit zu erfassen sind. Die neueste Lasertechnik will hier seit einigen Jahren Abhilfe schaffen. Doch wie schlagen sich die aktuellen Distanzmessgeräte in der Praxis?
Die komplexe Technik, die sich in den kleinen „Messhelfern“ verbirgt, ist leicht erklärt: Ein Laserstrahl wird in Lichtgeschwindigkeit ausgesendet und an seinem Endpunkt wieder reflektiert. Die Zeit, die das Licht für die Distanz benötigt, wird gemessen und so die Länge des zurückgelegten Weges in einem Sekundenbruchteil errechnet. Vermessungsexperte Werner Eberhard erklärt: „Im Grunde werden vom Gerät 100 bis 200 Messungen in der Sekunde gemacht und der Mittelwert ausgegeben. Ausreißer werden eliminiert.“
Innere Streuung
Wie praxistauglich die aktuellen Laser-Distanzmessgeräte sind, wollten wir genau wissen. An der Wiener BauAkademie in Guntramsdorf bietet sich Unterstützung an: Leiter Thomas Prigl sowie die Vermessungstechniker und Lehrer Werner Eberhard und Karl Rupp unterstützen mit fachkundigem Wissen. Zum Praxistest schicken fünf Hersteller ihre Top-Produkte ins Rennen. Am Start stehen Leica mit seinem Disto D8, Hiltis PD42 und das GLM 250 VL Professional von Bosch sowie das LDM-50 der Firma PCE und Flukes 416D. In sechs Kategorien – Handling, Verarbeitung, Benutzerfreundlichkeit, Funktionsumfang und Messungen – wurde bewertet. Fünf Sterne markieren die Höchstnote, die Summe ergab unser Gesamtergebnis.
In einer Halle der BauAkademie standen die Messgeräte an ihrem ersten Prüfstand. Eine eingemessene Distanz von 15 Meter musste von den Produkten bestätigt werden. Jedoch, so Eberhart: „Über die Genauigkeit der Geräte kann keine seriöse Aussage getroffen werden.“ Denn für eine fundierte Prüfung wäre eine Eichstrecke notwendig. Vielmehr werden jeweils fünf Messungen vorgenommen und die Ergebnisse verglichen. „Die innere Streuung“ nennen das die Experten. Gemeint ist damit, so Rupp: „Mit nur einer Messung kann es immer zu Fehlern kommen. Es braucht immer eine Kontrollmessung – vor allem in der Aufwärmphase.“ Und tatsächlich: Kein einziges Gerät gibt auch nur dreimal das gleiche Ergebnis aus. Das LDM-50 von PCE „irrte“ sich gar um durchschnittlich vier Millimeter. Umso überraschender das Ergebnis beim ebenfalls weniger bekannten Fluke: Wie bei Hilti weichen hier die Messdaten nur um durchschnittlich einen Millimeter ab. Leica und Bosch liegen dazwischen.

Die Testgeräte mussten sich dem Härtetest unter Extrembedingungen stellen: Minus zwei Grad Celsius und Schneefall brachten die Produkte an ihre ÂGrenzen und zeigten Stärken wie Schwächen gleichermaßen auf.
Einen wirklichen Härtetest erwartete die Konkurrenzprodukte im Außenbereich. Aber nicht nur Schneefall und minus zwei Grad Celsius lassen die Experten an den Herstellerangaben zweifeln: So versprechen doch Leica und Hilti eine maximale Messlänge von 200 Meter, Bosch setzt noch eines drauf und will seinen Laser 250 Meter weit schicken können: „Bei idealen Bedingungen ist das eventuell möglich. Bei diesen Verhältnissen ist eine Messung aber schwer.“ Zuerst steht ein Test an, der klären soll, über welche Strecke der kleine rote Laserpunkt überhaupt noch mit freiem Auge zu sehen ist. Schwer, aber doch erweist sich eine Länge von knapp 25 Meter als gerade noch praktikabel. Doch dann ist für die Produkte von Fluke und PCE ohne jede Zielvorrichtung Schluss. Und wenige Minuten später: Wie von den Herstellern angegeben, bestätigt sich die niedrigste Einsatztemperatur um den Gefrierpunkt – und die beiden Distanzmesser quittieren mit Fehlermeldungen den Dienst.
Doch Leica, Hilti und Bosch (alle –10/+50 Grad Celsius) sind auch trotz Extrembedingungen noch im Rennen. Die Geräte haben zudem unterschiedliche Lösungen zur Erfassung des Laserpunktes auf längere Distanz eingebaut. Diese Vorrichtungen sind im Außenbereich wesentlich, sonst kann der Laser nicht auf eine bestimmte Stelle ausgerichtet werden. Und damit stehen die Zielsysteme – Digitalkamera und optischer Sucher – im direkten Vergleich. Und hier überraschen die vorher skeptisch beäugten, optischen Sucher von Hilti und Bosch. Diese erweisen sich outdoor nützlicher als die bei Leica eingebaute Digitalkamera mit Farbdisplay. Trotzdem: Mit allen dreien kann auf weite Distanz jenseits der 200 Meter ein Punkt anvisiert werden. Bei der Messung hingegen scheiden sich aufgrund der winterlichen Verhältnisse die Geister. Wir wollen es trotzdem wissen und versuchen den maximalen Messpunkt herauszufinden. Fazit: Während Bosch trotz Schneeflocken stolze 175 Meter messen kann, gelingt das Leica nur über 94 Meter, Hilti kommt auf 78 Meter. Rupp: „Im Außenbereich ist jedenfalls ein professionelles Stativ empfehlenswert. Aber selbst damit kommt es zu kleinen Abweichungen.“
Zurück in der beheizten BauAkademie steht eine letzte Frage an: Vertragen die Geräte den plötzlichen Temperaturwechsel und arbeiten sie fehlerfrei? Eberhard: „Es gilt die Faustregel: Pro Grad Temperaturdifferenz braucht es eine Minute Akklimatisationszeit.“ Wir probieren es trotzdem sofort, und siehe da – alle Modelle messen, alleine das PCE-Produkt braucht ein paar Minuten zum Aufwärmen.
Schlag- und stoßfest
Grundsätzlich eignen sich alle getesteten Geräte für Messungen im häufigsten Einsatzbereich: in Innenräumen. Für längere Distanzen im Freien kommen nur die Produkte mit Zielvorrichtung von Leica, Hilti und Bosch infrage. Auch mit Stativgewinden warten nur diese Modelle auf. In Sachen Handling unterscheiden sich die „Messhelfer“ zwar in Gewicht und Größe, was aber keinen Einfluss auf die Benutzung hat. Alle Geräte liegen gut in der Hand und lassen sich für Messungen ohne zu wackeln an Oberflächen anlegen. Erste Unterschiede zeigen sich bei der Verarbeitung: Die Produkte von PCE und Fluke wirken weniger robust. Die drei Top-Geräte hingegen überstehen einen Sturz schon aufgrund ihrer Gummierung besser. Kleine Abstriche bei der Benutzerfreundlichkeit gibt es nur bei Hilti: Alle Funktionen sind über nur eine Taste wählbar, was in umständliches Durchklicken endet. Die Konkurrenz macht es übersichtlicher und teilt den einzelnen Funktionsbereichen mehrere Tasten zu. Wohlgemerkt, Fluke und PCE haben es da leicht: Hier stehen nur die Grundfunktionen wie Fläche, Volumen, Pythagoras sowie Addition und Subtraktion zu Verfügung.
Was den Umfang der Funktionen betrifft, kann Leica klar punkten: Hier bleiben mit Optionen wie Trapezmessung, Dachschräge oder Höhenprofilmessung keine Wünsche offen. Piktogramme lassen die auf fünf Tasten verteilten Funktionsbereiche klar unterscheiden, das dunkel unterlegte, große Display zeigt die Werte besonders gut. Ganz toll: Durch den eingebauten 360-Grad-Neigungssensor werden gar Messungen ohne Reflexionspunkt möglich. Zudem bietet aktuell nur Leicas Topmodell die Bluetooth-Verbindung zu Computern an. Damit ist die kabellose Übertragung von Werten in Excel-Dateien und CAD-Programmen problemlos möglich. Ältere Konkurrenzmodelle sind aber ebenfalls mit Bluetooth ausgestattet, im Herbst spendet Bosch dem GLM 250 diese Funktion. „Von der Innovation her habe ich gesagt, dass wir das D8 für unsere Werkmeister kaufen müssen. Die Kamera ist kein Vergleich zu den optischen Suchern“, outet sich Eberhard als Leica-Fan. Rupp tendiert eher zum etwas breiteren Bosch-Gerät: „Bosch hat die längste Entfernung gemessen. Die Zielvorrichtung ist wirklich nicht schlecht. Mit Leicas Kamera habe ich mich nicht anfreunden können, obwohl sie sicher in manchen Bereichen von Vorteil ist.“ Das Bosch GLM 250 verfügt zudem ebenfalls über ein großes Display und gut lesbare, große Schriftzeichen. Die Funktionen sind logisch auf drei Tasten verteilt. Abzüge gab es in der Bewertung aufgrund der höheren Messschwankungsbreite und einem etwas geringeren Funktionsumfang im Vergleich zu Leica. Gleich nach dem Referenzgerät von Leica würde Thomas Prigl zu Hilti greifen. Das PD 42 erzielte bei den Vergleichsmessungen die eindeutigsten Ergebnisse. Eine zweite Auslösertaste an der Seite vereinfacht die Messung per optischen Sucher. Das Wählen der Funktionen über nur eine Taste wurde von den Experten als unpraktisch empfunden.
Die Produkte von PCE und Fluke konnten es mit der Konkurrenz nicht ganz aufnehmen. Die besonders kleinen Geräte sind mit den nötigsten Funktionen ausgestattet, weniger überzeugend verarbeitet und nur für kurze Messdistanzen geeignet. Fluke konnte allerdings mit seiner geringen Schwankungsbreite bei den Messungen überraschen.
Unterm Strich bleibt die entscheidende Frage, welcher Funktionsumfang im beruflichen Alltag tatsächlich notwendig ist. Jeder Beruf stellt naturgemäß andere Ansprüche. Praxistauglich sind – mit Abstrichen – alle getesteten Geräte. Zu favorisieren sind nach dem Praxistest jedoch klar die Marken Leica, Bosch und Hilti.
Testsieger Leica D8



Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share
Kommentar schreiben



