28.05.2010
Kultur des Bauens
Mitten im Unesco-Weltkulturerbe auf Rufweite zum Uhrturm in Graz sind zwei große Baukrane zu sehen. Mehrgeschoßige Unterfangungen, die unter historische Bausubstanz gelegt wurden, Abbruch- und Umbauarbeiten während vollen Verkaufsbetriebs, Rolltreppen, die ausgetauscht werden, Bauen im Bestand, während sich der Konsumentenstrom tummelt – Entkernungen ganzer Gebäude, um ihnen wieder Identität zu geben und sie zu den historischen Vorbildern zurückzuführen. Die größte Herausforderung an die Stadtplanung und an die Schicksalsgemeinschaft der Bauschaffenden bildet ein genialer Dachaufbau der Architekten Nieto & Sobejano aus Spanien, welcher aus einem internationalen Architekturwettbewerb hervorgegangen ist.
Baumenschen spüren beim Innenstadtkaufhaus Kastner und Öhler sofort, irgendwas machen die hier anders: in der Innenstadt bleiben, ein ganzes Quartier mit einer Tiefgarage zu unterfahren, statt beliebige fragwürdige Strukturen an den Stadtrand zu setzen, internationale Qualität der Planung statt Projektentwicklungsglätte mit Länge mal Breite mal Geld pro Investmentfonds. Verständnis und Geduld bei Mitarbeitern und Kunden, Interesse und Faszination bei uns Fachbesuchern – dieses Projekt hat eine Seele, eine Identität, die interessant ist.
Professionelles Projektmanagement
Christian Vötsch, einer der Baumeister der neuen Generation führt durch die Baustelle, teilt mit Kollegen die generellen Ordnungsideen dieses Projektes. Dass sich hier kulturelle und klimatische Unterschiede der Baukulturen von Spanien und Österreich auftun, ist offensichtlich. Dass die Baustelle nicht von bürokratischen Projektpolizisten überwacht wird, nicht verrechtlicht ist, sondern exzellent geführt ist, sieht man an der Ordnung, an der Emsigkeit, an der Unaufgeregtheit, an jedem der vielen Handwerker – die nicht bloß arbeiten, sondern werken. Hier herrscht gemeinsamer Geist (spiritus), der zu lenken vermag, eine Kultur des Bauens, die besonders ist. Zuerst die alte Weisheit der Baumenschen: Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, am Ende steht das gelungene Werk. Das verbindet Bauherrschaft, alle Planer und Handwerker. In einem erfolgreichen Projekt sorgen wir dafür, dass keiner zu Schaden kommt, also vertrauen wir uns auch. Im Kern dürfte es das sein.
Der Bauherr bekennt sich zu relevanten Werten: Kundennutzen, innerstädtische und baukulturelle Verantwortung und zu Bauqualität. Auf Basis der daraus entwickelten Visionen herrscht Zieltransparenz. Das darauf aufbauende Bauprojektmanagement ist dann überraschend einfach.
Rechnen nach Zeit
Die Planung ist aktuell, begleitend, erst am Ende fertig – aber rückgekoppelt, die Verbesserungsvorschläge und das Know-how aller Beteiligten nutzend. Auf ein Ziel gerichtet, in einem engen Zeitkorsett wird vertrauensvoll nach Zeitaufwand abgerechnet. Das scheint fair für beide Seiten. Keine Grund- und Optionalleistungen, die bei der Angebotserstellung ohnehin dazu neigen, zu kurz zu greifen, die wahren Probleme nicht ausreichend zu lösen und die Fantasie durch Bürokratisierung zu beschränken.
Dann bittet man hier zum Bauen einen Baumeister des Vertrauens, der sich selbst einen Partner sucht, um die Kapazität versprechen zu können; keine Ausschreibung nach Standardleistungsverzeichnis, sondern die richtigen, auch überarbeiteten Angebote auf ein Ziel hin, kontrolliert an Kennwerten von Bauelementen, die ohnehin bekannt sind. So etwas funktioniert in einer Schicksalsgemeinschaft auch bei Einzelgewerkvergabe für beide Seiten.
Kann das sein? Die ÖNorm B 2110 und die Honorarschätzungsrichtlinien als unbrauchbare Modelle für effizientes und effektives Bauen? Auf die Frage von uns, wer denn das Baumanagement mache, meint Vötsch: „Eigentlich alle, weil sonst funktioniert gar nichts!“
Das gibt uns ordentlich zu denken, weil wir alle brauchen Frühwarnung bei Zielabweichung, Selbstregulation und verantwortliche Selbstorganisation – und Projekte mit Identität, also Kultur des Bauens zum Erreichen von Baukultur.
Hans Steiner

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