10.09.2010
Weiter hoher Zulauf am Bau
![]() Jung, dynamisch und voller Tatendrang: Die frisch gebackenen Baumeister aus Oberösterreich freuen sich auf ihre Tätigkeit in der Bauwirtschaft. © LI Bau Oberösterreich |
Wenn das kein gutes Zeichen ist: Vergangenes Jahr zählte die Wirtschaftskammer Österreich bundesweit insgesamt 28.908 Unternehmensgründungen über alle Branchen hinweg. Und auch die Bauwirtschaft muss sich dabei keineswegs verstecken, ganz im Gegenteil: Mit 622 Jungunternehmern darf sich die Branche über den drittstärksten Zulauf seit 2001 freuen. Nur die Jahre 2007 (+700) und 2008 (+642) überbieten das letztjährige Ergebnis. Und auch das Bauhilfsgewerbe legte ordentlich zu. In Summe 1.106 neue Firmen sind dieser Kammer-Fachgruppe zuzurechnen.
Damit zeigen sich für WKO-Präsident Christoph Leitl „positive und ermutigende Signale“. „Der Trend zur Selbstständigkeit konnte auch durch die wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht gebrochen werden. Im ersten Halbjahr 2010 wurden mit 15.919 Unternehmen um 525 mehr Firmen gegründet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres“, freut sich Österreichs oberster Wirtschaftsvertreter. Nach Sparten dominiert bei den heimischen Neuunternehmern ganz klar das Gewerbe mit knapp 39 Prozent, noch vor dem Handel mit 24,7 Prozent.
Für Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel ist allerdings die Zahl der Unternehmen für sich allein noch kein Indikator für die wirtschaftliche Situation der Branche. „Jedenfalls sind alle Neugründer, die sich als seriöse Bauunternehmer betätigen, willkommen. Schwindelfirmen, die in den letzten Jahren im großen Stil als ‚Vorratsgründungen‘ angelegt wurden, um Abgaben und Steuern zu hinterziehen, wurde ein Riegel vorgeschoben. Dies vor allem durch legistische Maßnahmen wie die Auftraggeberhaftung für SV-Beiträge, das Reverse-charge-System gegen Umsatzsteuerbetrug, die Anmeldung vor Arbeitsbeginn gegen Schwarzbeschäftigung sowie verstärkte Kontrollen durch Kiab und BUAK. Nicht zuletzt aufgrund dieses Maßnahmenbündels ist im Bauwesen die Zahl der Insolvenzen und der Passiva im ersten Halbjahr 2010 deutlich gesunken“, resümiert der oberste Branchenvertreter.
Riskante erste Jahre
Abseits der Seriosität: Die Jungunternehmer müssen nun aber auch beweisen, dass sie am Markt bestehen können. Nach wie vor gelten die ersten Jahre nach Unternehmensgründung als kritisch. Von den insgesamt 6.902 Insolvenzen im Jahr 2009 sind immerhin 35,6 Prozent nicht älter als drei Jahre geworden (siehe Grafik). „Wenig überraschend gelten die ersten Jahre eines Unternehmens als Bewährungsprobe, schließlich müssen die ambitionierten Gründer zeigen, dass sie neben einer guten Geschäftsidee auch über die kaufmännischen Fähigkeiten verfügen, um ein Unternehmen kalkulatorisch zum Erfolg zu führen“, so Johannes Nejedlik, Vorstand des Kreditschutzverbandes KSV1870. Jahr für Jahr sind fehlendes betriebswirtschaftliches Know-how und mangelnde Planung allgemein die häufigsten Insolvenzgründe. Nejedlik: „Wer sich im Vorfeld einer Gründung entsprechendes Fachwissen aneignet und sich beraten lässt, ist aber eindeutig im Vorteil.“
Die Krise als Chance
Das weiß auch Jungbaumeisterin Nadja Wasserlof aus Niederösterreich. Inzwischen ist die Gründung ihres Unternehmens viereinhalb Jahre her. Sie hat also die kritischen ersten Jahre überstanden. Mit Erfolg, so Wasserlof: „Es läuft sehr gut. Ich habe den Schritt nie bereut. Aber es war hart. Ich musste meinen Kundenstock gänzlich neu aufbauen. Ich kann das Unternehmertum nur empfehlen. Man muss aber risikofreudig sein und einen ordentlichen Biss an den Tag legen. Vor allem das erste Halbjahr war hart an der Grenze.“ Von einer Krise spürt sie nichts: Heuer konnte sie bereits im August ihr festgelegtes Unternehmensziel erreichen. Aber was treibt jemanden überhaupt ins Unternehmertum? „Meine ganze Familie war immer schon beruflich selbstständig. Daher war der Respekt davor nie so groß, und es hat mich eben gereizt.
Vorher war ich zehn Jahre als Angestellte für andere tätig, danach wollte ich endlich mein eigener Chef sein.“ „Man muss schon mit einem Bein im Wirtschaftsrad drinnenstehen. Man braucht Branchenkenntnisse und Kontakte“, ist Simon Hans Paulitsch überzeugt. Schon gar nicht dürfe man bei den ersten Kunden glauben, dass es automatisch so weitergeht. Der Kärntner Neo-Baumeister ist einer der ganz Mutigen, hat sein Unternehmen im September 2009 gegründet. Mitten in der Krise. Aber er sagt: „Das hat mit Mut nichts zu tun. Ich sehe der Realität ins Auge und nutze die Krise als Chance. Gute Leute sind jetzt noch gefragter als vorher.“
Erfolgreich unterwegs ist auch Jürgen Frei aus Vorarlberg. Er hat 2006 die Luccon Lichtbeton GmbH gegründet, um seine Eigenentwicklung eines lichtdurchlässigen Betons selbst zu vermarkten. Was rät er den Jungunternehmern? „Werdet nie Unternehmer“, scherzt er. „Nein, im Ernst: Man muss sich durchbeißen. Aber Fleiß zahlt sich aus. Ich hatte in der Gründungsphase nicht viel Wissen und musste mir alles selbst beibringen, etwa wie das mit der Steuer rennt.“ Von einer Krise merkt auch er nichts. Das mag aber auch an seinem Produkt liegen. Frei: „Das ist eben weltweit einzigartig.“
Stabiles Baujahr 2009
Andere hatten weniger Glück, mussten bereits nach kurzer Zeit wieder aufgeben. Ein Blick auf die Insolvenzstatistik der Baubranche zeigt aber: Es war schon schlimmer, auch vor der vielzitierten Krise. 2009 mussten 663 Unternehmen (gesamte Bauwirtschaft), davon 217 im Hoch- und Tiefbau, in Insolvenz gehen. 2005 und 2006 war ihre Zahl noch weit höher. In diesem Sinne also eigentlich ein erfolgreiches Jahr 2009. Aber: Der Kreditschutzverband bremst die hoffnungsvollen Erwartungen in Hinblick auf eine erstarkende Konjunktur.
Auch wenn die aktuelle Zahl der Firmenpleiten als Indikator für die Gesamtwirtschaft hinter befürchteten Rekordwerten blieb: Erfreulich ist die Insolvenzstatistik für 2009 nicht. Immerhin gab es über alle Sparten hinweg einen Anstieg von 9,3 Prozent auf insgesamt 6.902 Fälle, eben gegenüber 28.908 Neugründungen. Wohlgemerkt, doch hinter dem bisherigen Spitzenwert von 2005 mit mehr als 7.000 Fällen. Die Zahl der betroffenen Dienstnehmer ist um mehr als 32 Prozent auf 28.100 angestiegen, die Schulden aller insolventen Firmen betrugen rund vier Milliarden – ein Plus von 33 Prozent.
International steht Österreich vergleichsweise gut da: Europaweit gab es im Jahr zwei nach Beginn der Krise rund 177.000 Unternehmensinsolvenzen. Die heimische Zunahme von 9,3 Prozent liegt weit hinter dem Zuwachs von 18,6 Prozent im gesamten Westeuropa. Ganz schlimm hat es etwa Irland mit einem Insolvenzenplus von 81,9 Prozent getroffen. Blickt man gen Osten, wird es noch besorgniserregender: Insgesamt verzeichnet Osteuropa um 44,4 Prozent mehr Insolvenzen. Besonders stark betroffen ist Lettland mit +158,3 Prozent bei den Pleiten und Estland mit +149,4 Prozent. Der überraschende, einzige Sonderfall ist Slowenien. Hier sanken die Insolvenzen um 34,1 Prozent.
KSV: Zweite Insolvenzwelle droht
Mit einem Aufschwung schon 2010 zu rechnen, erscheine als verfrüht und zu optimistisch, ist vom KSV zu erfahren. Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des KSV1870: „Die Krise ist für Österreichs Wirtschaft weit glimpflicher verlaufen als für andere europäische Länder. Das liegt daran, dass wir ein sehr wohlhabendes Land sind, aber auch an der raschen und beherzten Reaktion der Politik. Jedoch ist der Zenit noch nicht überschritten. Der erste Ansturm ist bewältigt, aber eine zweite Welle an Insolvenzen wird nicht vermeidbar sein. Sie kommt wohl erst, wenn der Aufschwung sich verstärkt hat und die Zinsen angehoben werden.“
Aktuell entwickelt sich die heimische Baubranche jedoch stabil. Kantner: „Die Bauwirtschaft hat die Krise bisher ganz gut durchtaucht. Da war es auch hilfreich, dass privat ins Eigenheim investiert wurde, anstatt das Geld auf die Bank zu tragen. Die Bauwirtschaft ist von der Krise nicht so schnell und direkt betroffen. Es stellt sich aber die große Frage: Was wird in den nächsten sechs bis zwölf Monaten an Neubauten in Auftrag gegeben?“ Bleiben die erhofften Projekte aus, klaffen verzögert Auftragslücken auf. „Und Private werden sich nächstes Jahr nicht wieder das Dach oder die Fassade machen lassen. Das war ein Einmaleffekt, der sich nicht wiederholen wird“, meint Kantner.
Rücklagen und Zahlungsmoral
Eventuell also gar kein idealer Zeitpunkt, um ein Unternehmen zu gründen. Nicht umsonst betitelt der Kreditschutzverband die Jungunternehmer in einem aktuellen Bericht als „Gefährdete Spezies mit Mumm“. „Die ersten Jahre sind schwer“, weiß auch Jungbaumeister Herbert Monschein aus der Steiermark. 2008 absolvierte er die Baumeisterprüfung, anschließend gründete er ein Planungsbüro, 2009 folgte eine Baumeistergesellschaft. Und der erfolgreiche Unternehmer weiß, wovon er spricht, war er doch schon einige Jahre davor Teilhaber eines Ziviltechnikerbüros: „Als neuer Unternehmer ist es vor allem schwierig, an Aufträge zu kommen, Referenzprojekte sind da sehr wichtig. Und auch die finanzielle Seite ist entscheidend: ein neues Büro, ein neues Auto. Wenn der Erfolg ausbleibt, ist es ganz schnell wieder vorbei. Da sollte man vorsichtig anfangen, sich vielleicht nur einen gebrauchten Wagen zulegen, sparsamer sein.“
Ein großes Thema sei überhaupt die Finanzierung. Vor allem, wenn man anfangs nicht positiv bilanziert. Dann gebe es auch wenig Chancen auf eine Fremdfinanzierung. Aktuell gibt es aber keinen Grund zu klagen. Auch Monschein merkt nichts von der angespannten Wirtschaftslage: „Ich habe gute Auftraggeber. Es läuft alles positiv.“ Vielleicht ist das auch das Geheimrezept: positives Denken. Aber damit alleine ist es freilich nicht getan. Für die frischgebackenen Firmenchefs hat auch Kantner vom Kreditschutzverband einen entscheidenden Tipp parat: „Generell gilt die Faustregel: Als Jungunternehmer braucht man Reserven und Rücklagen, um ein Jahr, ohne etwas zu verdienen, durchzukommen. Es lauern etliche Überraschungen wie etwa eine schlechte Zahlungsmoral.“
Faktor Zahlungsmoral
Letztere ist nach aktueller Trendumfrage des KSV übrigens gar nicht schlecht. Ganz im Gegenteil: Im Europa-Ranking liegt die Alpenrepublik mit durchschnittlich 32 Tagen sogar auf Platz drei, nach Finnland und Norwegen. Privatpersonen zahlen gar schon nach 18 Tagen, um zwei Tage schneller als noch letztes Jahr. Die öffentliche Hand hingegen ist bei der Zahlungsmoral eher schleißig: Im Schnitt dauert es 40 Tage, bis das Geld auf dem Konto landet – trotz des längsten Zahlungsziels von 32 Tagen. Johannes Eibl, Geschäftsführer vom KSV-Forderungsmanagement, gibt folgenden Tipp: „Ein langes Zahlungsziel führt in der Regel auch zu einer langen Zahlungsdauer. Nachdem sich die Öffentlichen auch noch einiges an Verzug herausnehmen, sollten Unternehmen das Zahlungsziel kürzer ansetzen.“ Sonst läuft auch der Jungunternehmer seinem Geld zu lange nach. Und das kann auf kurz oder lang auch ins Auge gehen.
Die Folgen einer Insolvenz können tatsächlich verheerend sein. Nur ein Drittel aller betroffenen Unternehmen schafft den Zwangsausgleich und kann wieder durchstarten. Nicht selten droht auch der Privatkonkurs. „Fünf bis zehn Prozent der Unternehmensinsolvenzen werden zu Schuldenregulierungsverfahren, also Privatkonkursen. 25 bis 30 Prozent aller Privatkonkurse sind ehemalige Unternehmer“, schätzt Experte Kantner.
Hilfe und Selbsthilfe
Zum Glück stehen die ambitionierten Jungunternehmer – laut einer Umfrage der Wirtschaftskammer übrigens zum überwiegenden Teil zwischen 30 und 40 Jahre alt – nicht gänzlich allein da. Allen voran bietet das Gründerservice der Wirtschaftskammer (www.gruenderservice.at) eine breite Palette an Dienstleistungen, um den Neo-Firmenchefs den Start zu erleichtern und um vor allem das neue Unternehmen auf stabile Beine stellen zu können. Das beginnt mit praktischen Tools etwa zur Berechnung des nötigen Mindestumsatzes, Unterstützung bei den Formalitäten zur Gründung oder Informationen über Fördermaßnahmen.
Und selbst eigene Seminare werden geboten. Teilweise ist es Hilfe zur Selbsthilfe: So gibt es online die Businessplan-Software „Plan4You Easy“ kostenlos. Hier fängt es eigentlich erst an. Bei der Erstellung des entscheidenden Geschäftsplans zeigen sich die unterschiedlichsten Faktoren, über die sich so manch einer der neuen Unternehmer vielleicht gar nicht so Gedanken gemacht hat. Einfach ist es eben nicht mit dem Unternehmertum. Der Erfolg muss erarbeitet werden. Und das bedeutet oft auch, noch einmal die Schulbank zu drücken. „Viele Selbstständige sind zwar Profis in ihrem Geschäftsfeld, haben aber zum Teil Defizite zu Themen wie Betriebsführung, Eigenvermarktung, Rechnungswesen oder bei betriebswirtschaftlichem Grundwissen“, weiß auch Michael Landertshammer, Institutsleiter des Wirtschaftsförderungsinstitutes Wifi.
Neben unternehmensorientierten Lehrgängen und Kursen bietet die Wifi-Unternehmensakademie Schulungen in speziellen EDV-Programmen und Management-Tools sowie begleitende Beratungsangebote. Landershammer präzisiert das Ziel der Angebote: „Die Schule bereitet uns dafür nicht genügend vor und die berufliche Laufbahn meist ebenso wenig. Daher haben wir speziell für Unternehmer die Akademie ins Leben gerufen, die unsere Weiterbildungsangebote für die unternehmerischen Herausforderungen bündelt.“
Das kann Jungunternehmerin Wasserlof nur unterstützen. Vor allem unternehmerisches Know-how hat anfangs etwas gefehlt. Wasserlof: „Die Wirtschaftskammer war da eine gewisse Unterstützung, aber die meisten Informationen muss man selbst beschaffen. Etwa mehr fachliche Unterstützung z. B. zur ersten Rechnungslegung wäre schön.“ Mit dem nötigen Hintergrundwissen steht dem erfolgreichen Markteintritt aber beinahe nichts mehr im Wege. Markus Roth, Bundesvorsitzender der Jungen Wirtschaft, gibt sich optimistisch: „Das Konjunkturbarometer der Jungen Wirtschaft zeigt: Heiter bis sonnig, nur ein paar Wolken ziehen durch, keine Trübung.“ Zweimal jährlich werden die rund 35.000 Mitglieder nach ihren Erwartungen befragt. Aktuelles Resultat: 43,3 Prozent setzen auf eine Verbesserung der Wirtschaftslage in den nächsten zwölf Monaten, 38,3 Prozent rechnet mit einer gleichbleibenden Situation.
Helmut Melzer

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