19.03.2009
Aufbruchstimmung in Wien
Günter Lang, IG Passivhaus Österreich, sieht sich in seinen jahrelangen Bemühungen endlich bestätigt: „Wien steht politisch hinter dem Passivhauskonzept. Gerade jetzt sind Maßnahmen in Revitalisierungen noch effektvoller.“ Konkret freut sich Lang aber auch deshalb, weil Mitte Jänner 2009 die neue Sanierungsverordnung in Wien in Kraft trat, mit der qualitätsvolle, eng an Energieeinsparungseffekte gekoppelte Maßnahmen Bedingung für die Sanierungsförderung sind. Die zur Verfügung gestellten Fördermittel umfassen 650 Euro pro Quadratmeter für eine Sanierung auf Passivhausstandard. Am Beispiel eines 130 Quadratmeter großen Einfamilienhauses ist das ein effektiver Förderwert der Förderung von bis zu 33.000 Euro, wenn der Passivhaus-Standard von 10 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr mit der Sanierung erreicht wird.
Ein Achtel des Energieverbrauchs
Wolfgang Feist, Baufakultät Innsbruck, Lehrstuhl für Bauphysik, betont: „Passivhaus ist kein Produktname, kein geschützter Gattungsbegriff. Dabei geht es um ein Achtel des Energieverbrauchs im Vergleich zu konventionell errichteten Häusern. Inzwischen gibt es eine nachvollziehbare Beweisführung – wie zum Beispiel bei dem Studentenwohnheim in Wien. Aber auch in Bezug auf Komfort und Bauqualität schneiden Passivhäuser wesentlich besser ab – da gibt es keinen Schimmel und eine perfekte Wärmedämmung. 50 bis 60 Prozent des Energieverbrauchs europaweit wird von Gebäuden verursacht, das heißt, hier besteht Handlungsbedarf.“
Schwerfälliger Prozess
Warum die Entwicklung zu weniger Energieverbrauch so extrem schleppend ist, hängt mit einer Vielzahl von Aspekten zusammen: Die Interessen der Industrie prallen dabei auf das Gewohnheitstier Mensch bis zur Politik, die letztlich die Macht hat, Veränderungen zu forcieren. Wien hat nun seine Verantwortung für eine weitere Reduktion des Energieverbrauchs wahrgenommen: „Wir bieten zurzeit die besten Fördersätze für Sanierungen, auch für jene auf Passivhausstandard. Damit wollen wir Passivhaussanierungen, die nicht nur Klima und Umwelt, sondern vor allem auch Mietern durch eine Verringerung der Heizkosten um bis zu 90 Prozent zugute kommt, forcieren“, erklärt Michael Ludwig, Wohnbaustadtrat Wien. Mit der neuen Sanierungsverordnung hat Wien einen entscheidenden Anreiz für Hauseigentümer gesetzt, ihre Immobilie auf Passivhausstandard erneuern zu lassen.
Die Angst der Bewohner vor Eingriffen ins Haus entkräftet Ludwig wie auch die Sorge vor Mehrkosten, denn diese werden mit den Förderungen der Stadt Wien zu einem sehr hohen Anteil abgedeckt. Ludwig hat nun ein Pilotprojekt initiiert: In der Breitenfurter Straße 242 wird Wiener Wohnen ein kleineres Wohngebäude aus dem Jahr 1923 auf Passivhausstandard sanieren. Zusätzlich soll dort auch die Wärmerückgewinnung aus Abwasser erfolgen und Solarenergie zum Einsatz kommen. Ein grobes Sanierungskonzept für das Projekt, das evaluiert und als Modell für weitere Sanierungen dienen wird, wird noch heuer fertiggestellt. Das voraussichtliche Bauvolumen dafür wird 1,5 Millionen Euro betragen.“
Gisela Gary
aus: bauzeitung 11/09, S. 12

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