Zementindustrie
24.03.2009
Das Spiel der freien Kräfte
100 Mio. Euro für die thermische Sanierung wurden von der Regierung vorerst zurückÂgestellt – verliert die österreichische Politik den Blick auf das Wesentliche? Werden falsche Impulse gesetzt? – Stichwort: 1.500 Euro für ein 13 Jahre altes Auto. Felix Friembichler, Geschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie, VÖZ, kennt die Zyklen der Wirtschaft und der Bauwirtschaft genau. Friembichler relativiert im Exklusivinterview die Euphorie über die Konjunkturpakete – wie auch die Horrorszenarien zur aktuellen Wirtschaftslage:
„Der Konnex zwischen den möglichen und den angekündigten Handlungen und was dann tatsächlich umgesetzt wird, ist bei staatlich initiierten Wirtschaftsimpulsen das Problem. Ganz Ähnliches passiert bei den vorgezogenen Infrastrukturmaßnahmen. Es ist natürlich begrüßenswert, wenn z. B. der Straßenbau forciert wird – aber was nützen vorgezogene Budgets, wenn die Vorarbeit nicht vorhanden ist und nicht sofort mit dem Bau gestartet werden kann. Gerade im Infrastrukturbereich, wenn z. B. Umweltverträglichkeitsprüfungen noch fehlen, hilft das Vorziehen von Geldern nichts. Viele Verfahren können nicht von einem Tag auf den anderen verkürzt werden. Die Gefahr, die ich sehe, ist, dass sich die Politik zunehmend vom Staatsbürger isoliert. Wenn man diese Dinge jetzt durchboxt, dann wäre es nur eine Verstärkung dieses Eindruckes.“
Massiv unterallokiert
Stichwort Kioto. Fehlen in puncto Kioto-Ziele, Umweltschutz, Ökologie die Zuständigkeiten? Alle Politiker heften sich z. B. das Stichwort thermische Sanierung auf die Fahnen – dennoch wurde das dafür notwendige Budget soeben zurückgestellt. Österreich hat Kioto-Ziele unterschrieben, die bis 2013 umzusetzen sind. Dazu kommt die Wirtschaftskrise mit mehr als 60.000 Arbeitslosen am Bau – thermische Sanierungsprojekte sind extrem personalintensiv.
„Die politischen Zuständigkeiten sind in Österreich geklärt. Ich hinterfrage eher, ob der Klimawandel durch eine CO2-Steuer aufzuhalten ist. Mir ist klar, dass eine Energiepreissteigerung politisch schwierig zu verkaufen ist, aber der Effekt wäre der gleiche – und die Maßnahmen wesentlich billiger.“
Die CO2-Zertifikate-Thematik trifft die österreichische Zementindustrie hart.
„Unsere Industrie ist massiv unterallokiert. Wir wissen, dass uns für 2008 über 500.000 Tonnen fehlen, die müssen zugekauft werden. Wie die Sache nach 2013 weitergeht, das ist unklar. Beim ÂEuropäischen Rat im Dezember ist der Rahmen geschaffen worden, um der Industrie in Europa ein Weiterkommen zu ermöglichen.“
Es ist ein Faktum, dass die Autoindustrie offensichtlich die stärkste Lobby hat.
„Das Gesellschaftsleben funktioniert so. Es muss jede Gesellschaftsschicht Sorge tragen, dass ihr Interesse vertreten wird. Das ist das freie Spiel der Kräfte.“
Warum gibt’s eine Verschrottungsprämie und kaum einen Anreiz, das alte Haus, das eine Energieschleuder ist, zu sanieren?
„Weil das ein riesiges finanzielles Problem wäre. Wir müssten die Förderrate auf 60 bis 70 Prozent hinaufsetzen.“
Haben wir den Überblick verloren?
„Viele Dinge wurden zu lange verdrängt. Es staut sich ein Nachholbedarf auf, der Âirgendwann nicht mehr zu bewältigen ist, und genau das ist in der thermischen Sanierung passiert.“
Etwa 60 Prozent des ÂEnergieverbrauches stammt von Gebäuden. Das heißt, wenn man die Preise für fossile Rohstoffe erhöht, wäre unmittelbar eine ÂReaktion zu spüren?
„Ja, weil durch niedere Energiepreise viele Anreize, auf Alternative zu setzen, verlorengegangen sind. Energiepreise durch Steuern hinaufsetzen bedeutet nicht, dass ich die, die zu wenig Geld haben, durch Förderungen wieder entlasten kann. Das Gesamtsystem hätte einfach den Anreiz, ein höheres Kostenniveau anzustreben und grundsätzlich sparsam umzugehen.“
Es ist ein Faktum, dass wir Benzinpreise über einen Euro akzeptiert haben. Es war in Österreich nicht ersichtlich, dass die Bevölkerung weniger Auto fährt.
„Offensichtlich ist das Denken über längere Zeit dem Konsumgedanken völlig geopfert worden. Ich will jetzt nicht den Teufel an die Wand malen, aber die Rechnung wird kommen. Es wird nur noch konsumiert, keine Werte geschaffen. Ein Haus ist eine Investition auf zwei, drei Generationen.“
Welche Impulse sind notwendig, um an dem Bewusstsein etwas zu verändern?
„Es muss wirtschaftlich schlechter werden, damit das Bewusstsein in eine breitere Masse dringt, und dann kann man nur hoffen, dass es nicht zu spät ist.“
Weiterbildung lohnt sich
Österreich hat zurzeit an die 300.000 ÂArbeitslose. Die aktuellen Probleme betreffen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen, dazu kommt der Aspekt Ostöffnung. Welche Anzeichen können Sie aus Sicht der Zementindustrie sehen?
„Wir sind in den vergangenen drei bis vier Jahren etwa um 20 Prozent gewachsen. Wir erwarten einen Rückgang von vielleicht fünf Prozent. Den Osten sehe ich als Riesenpotenzial. Im Osten wird es nach dem Abschwung wieder nach oben gehen, weil ja der Investitionsbedarf vorhanden ist. Das größere Problem sehe ich darin, dass Abkommen geschlossen werden, die nicht für alle gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen, z. B. durch Klimaschutzauflagen. Aber nur weil es jetzt zwei oder drei Jahre nach unten geht, wird keine Branche aussterben.“
Hat die CO2-Thematik die Forschung in der Zementindustrie forciert?
„Absolut, es gibt auf europäischer Ebene einige große Forschungsvorhaben, die sich mit der weiteren Nutzung von CO2 auseinandersetzen. Auch das Einlagern von CO2 in die Erde ist ein Zukunftsthema. Das ist bereits in der Theorie möglich, mit welchem Kostenfaktor und wie die Realisierung dann tatsächlich aussieht, ist aber noch offen.“
Wo gibt es noch Potenzial?
„Darin, dass man Energiesysteme geschickter verbinden könnte. Es gibt seit langem eine Idee der Kraftwärmekopplungen, die schon in einem relativ kleinen Maßstab wirtschaftlich betrieben werden können. Das wäre auch die Möglichkeit, im innerstädtischen Bereich die Energieeffizienz in den Griff zu bekommen.“
Stichwort Geothermie, eine Schule beheizen wir bereits damit, gibt es da noch Potenzial?
„Eine Stadt wie Wien können Sie mit dieser Geothermie nicht versorgen. Tiefengeothermie wäre eine Möglichkeit. Länder, die viel Geothermie verwenden, die haben natürliche Vorkommen, Heißwasserquellen. Aber ein flächendeckendes Energiesystem, wo man auch auf verschiedenste Systeme zugreifen kann, gibt es meines Wissens noch in keinem Land.“
Stichwort Konsum: Arbeitslose kaufen kein neues Auto. Eine Analyse des AMS zeigt, dass ein großer Anteil der Arbeitslosen eine schlechte Bildung hat. Ist Weiterbildung eine staatliche Verantwortung?
„Kritisch wird es, wenn Weiterbildung zu Alibizwecken betrieben wird. Die Kosten für die Volkswirtschaft für die Weiterbildung, aber die Kosten, die durch Arbeitslosigkeit entstehen würden, wären noch höher. Aber auch die Unternehmen sollten spüren, was es bedeutet, exzessiv Systeme auzubeuten. Exzessiv gewinnorientiert, ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn man diese Systeme ohne Schranken weiter zulässt, rationalisieren sich die ÂUnternehmen ihre Kunden von selbst weg. Eine gewisse Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung liegt auch bei den Unternehmen.“
Gisela Gary
aus: bauzeitung 12/09, S. 12 f

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